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SEO

CHF 18'000 versenkt – weil die SEO-Agentur nicht wusste, wer 'Mealprep' googelt

Simon Haenel
14 Min.
Eine SEO-Agentur liess ihren Kunden 12 Monate lang auf das falsche Keyword optimieren – weil sie die Suchintention nicht verstand. CTRL+F auf der Website: Null Treffer für den Begriff den die Kunden tatsächlich googeln.

CHF 18’000. Zwölf Monate. Und das Schlimmste: Selbst wenn die Agentur geliefert hätte – Content, Blogartikel, Landingpages – das Ergebnis wäre trotzdem null gewesen. Weil sie auf das falsche Keyword optimiert hat. Nicht ein bisschen falsch. So fundamental falsch, dass jeder Franken in ein schwarzes Loch geflossen ist.

In der vollständigen Case Study habe ich die 6 Red Flags dokumentiert. Verträge, Rechnungen, Search Console Daten. Aber ein Aspekt kam zu kurz. Der Aspekt, der das ganze Desaster von Anfang an vorprogrammiert hat: Die Agentur hat nicht verstanden, wer ihre Keywords eigentlich googelt. Sie hat die Suchintention komplett ignoriert.


FreshMeal: Ein Premium-Produkt, positioniert für die falsche Zielgruppe

FreshMeal – so nenne ich das Unternehmen in der anonymisierten Case Study – verkaufte gesunde, fertig zubereitete Mahlzeiten. Demeter-zertifiziert. Rund CHF 23 pro Menü. Kein Billigprodukt. Ein Angebot für Menschen die gesund essen wollen, aber weder Zeit noch Lust haben, abends noch eine Stunde in der Küche zu stehen. Berufstätige. Eltern. Menschen mit Geld, aber ohne Zeit.

Die SEO-Agentur sollte dafür sorgen, dass diese Menschen FreshMeal bei Google finden. Ein klarer Auftrag. Ein marktkonformes Budget von CHF 1’500 pro Monat. Zwölf Monate Vertragslaufzeit.

Was hat die Agentur gemacht? Sie hat FreshMeal auf das Keyword “Mealprep” positioniert.

Zwölf Monate lang. Content wurde geplant für Mealprep. Blog-Themen wurden entwickelt rund um Mealprep. Die gesamte SEO-Strategie drehte sich um Mealprep. Und die Agentur hatte noch nicht einmal bemerkt, dass sie damit das genaue Gegenteil von dem erreichte, was FreshMeal brauchte.


Warum “Mealprep” eine marketing-technische Katastrophe war

Ein englischer Begriff für eine deutschsprachige Zielgruppe

FreshMeal verkauft in der Deutschschweiz. An deutschsprachige Kunden. An Menschen die in Bern, Zürich, Basel leben und auf Deutsch nach Essen suchen. Diese Menschen tippen nicht “Mealprep” bei Google ein. Sie tippen “gesunde Fertiggerichte”, “gesundes Essen bestellen” oder “fertige Mahlzeiten liefern lassen”.

“Mealprep” ist ein englischer Lifestyle-Begriff. Er wird von einer Community gesucht die auf Instagram Food-Fotos postet, englischsprachige YouTube-Kanäle schaut und sich für Fitness-Ernährung interessiert. Das ist nicht der 42-jährige Familienvater in Solothurn der nach dem Feierabend etwas Gesundes auf dem Tisch haben will.

Die Agentur hat nie gefragt: In welcher Sprache sucht unsere Zielgruppe?

Do-it-yourself statt Fertiggericht

Hier wird es richtig absurd. Mealprep bedeutet: Mahlzeiten selber vorbereiten. Vorkochen. Für die Woche planen. Tupperware füllen. Sonntags drei Stunden in der Küche stehen, damit man unter der Woche nicht kochen muss.

Wer “Mealprep” googelt, sucht nach Rezepten zum Selberkochen. Nach Anleitungen. Nach Videos die zeigen, wie man in zwei Stunden zehn Mahlzeiten vorbereitet. Die Suchintention ist informational – der Nutzer will lernen, nicht kaufen.

FreshMeal verkauft aber genau das Gegenteil: Fertige Mahlzeiten. Schon zubereitet. Geliefert an die Haustür. Die Suchintention von FreshMeals Zielkunde ist transactional – er will bestellen, nicht kochen. Er will die Küche nicht betreten.

Die Agentur hat FreshMeal also für ein Keyword positioniert, das Menschen anzieht die das Gegenteil von dem wollen, was FreshMeal anbietet. Das ist nicht ein kleiner Fehler in der Keyword-Recherche. Das ist ein fundamentales Unverständnis des Geschäftsmodells.

Preissensible Zielgruppe vs. Premium-Produkt

Der dritte Punkt ist vielleicht der bitterste. Die Mealprep-Community kocht selber, weil es günstiger ist. Das ist einer der Hauptgründe warum Menschen Mealprep machen – Geld sparen. Selber kochen für die Woche kostet einen Bruchteil dessen, was Fertiggerichte oder Restaurants kosten.

FreshMeal verlangt CHF 23 pro Menü. Demeter-Qualität hat ihren Preis. Aber für jemanden der googelt “Mealprep günstig Woche” sind CHF 23 pro Mahlzeit nicht attraktiv – das ist mehr als ein Mittagessen im Restaurant. Faktor 2 gegenüber Selberkochen, nicht mal ansatzweise lukrativ für diese Zielgruppe.

Wer hingegen “gesunde Fertiggerichte bestellen Schweiz” googelt, hat eine komplett andere Ausgangslage. Diese Person hat Geld. Was sie nicht hat, ist Zeit. CHF 23 für ein Demeter-Menü ist für sie kein Problem – es ist eine Investition in Lebensqualität. Das ist FreshMeals Wunschkunde.

Die Agentur hat nie die Frage gestellt: Wer tippt dieses Keyword ein, und kann sich diese Person unser Produkt leisten?

Die Agentur plante noch mehr davon

Und hier wird es endgültig zum Desaster: Die Agentur hatte nicht nur zwölf Monate auf Mealprep optimiert. Sie hatte weiteren Content für Mealprep geplant. Weitere Blogartikel. Weitere Landingpages. Die Strategie für die nächsten Monate war: Mehr Mealprep.

Kein Innehalten. Kein Hinterfragen. Keine Analyse ob die bisherige Arbeit überhaupt etwas gebracht hat. Einfach mehr vom Gleichen, das schon zwölf Monate lang nichts gebracht hatte. Wie ein Arzt der die gleiche Medizin verdoppelt, obwohl der Patient nicht besser wird.

Und wenn es noch nicht schlimm genug ist: Die SEO-Agentur verblieb in der Planung. Umsetzung: 0 Blogartikel, 0 Infografiken, einfach nichts.


Der Moment im Teams-Call: CTRL+F und null Treffer

Dann kam das Meeting. Der Geschäftsführer von FreshMeal hatte mich als unabhängigen SEO-Berater hinzugezogen. Er wollte eine Zweitmeinung. Was er mir sagte, werde ich nicht vergessen:

“Simon, warum sind wir bei ‘gesunde Fertiggerichte’ nicht mal auf Position 100 bei Google zu finden? Wir haben doch eine SEO-Agentur.”

Ich teilte meinen Bildschirm via Teams. Öffnete die FreshMeal-Website. Und dann tat ich etwas, das fünf Minuten dauerte und null Franken kostete.

Ich drückte CTRL+F. Das Suchfenster im Browser. Tippte ein: “gesunde Fertiggerichte”.

Der Browser suchte. Und zeigte an: 0 von 0 Übereinstimmungen.

Null Treffer. Auf der gesamten Website. Nicht in der Headline. Nicht in der Meta-Beschreibung. Nicht in einem einzigen der Blogposts die die Agentur (nicht) geschrieben hatte. Nicht in einer Produktbeschreibung. Nicht in einer Zwischenüberschrift. Die interne Verlinkung hatte ebenfalls komplett versagt – es gab schlicht keine Seite die für diesen Begriff relevant war.

Die Phrase “gesunde Fertiggerichte” – der Begriff den FreshMeals Wunschkunden tatsächlich bei Google eintippen – existierte auf der Website nicht. Kein einziges Wort.

Ich fragte den Geschäftsführer: “Und da wunderst du dich, dass du bei ‘gesunde Fertiggerichte’ bei Google nicht gefunden wirst? Der Begriff kommt auf deiner gesamten Website nicht ein einziges Mal vor.”

Er war sprachlos. An diesem Punkt hatte er mir das Zepter übergeben.

Das war kein technisches Problem. Kein Algorithmus-Update das die Rankings zerstört hätte. Kein Pech. Es war ein grundlegendes Versagen in der Keyword-Recherche. Die Agentur hatte nie gefragt: Was tippen die Menschen bei Google ein, die ein Produkt wie deines kaufen wollen? Sie hatte nie die Suchintention analysiert. Sie hatte ein Keyword genommen das irgendwie mit Essen zu tun hat – und losgelegt.

Analysedauer: 5 Minuten. Kosten: CHF 0.

Die SEO-Agentur hatte zwölf Monate und CHF 18’000 gebraucht um dieses Problem nicht zu sehen. Nicht zu lösen – zu übersehen. Und sie hatte, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, noch weiteren Content für Mealprep geplant. Mehr vom Gleichen. Mehr Geld in dasselbe schwarze Loch.


Was das mit der Suchintention zu tun hat

Die Suchintention zu verstehen ist die grundlegendste Aufgabe jeder Keyword-Recherche. Vor dem Suchvolumen. Vor der Keyword Difficulty. Vor allen technischen Metriken. Die erste Frage muss immer sein: Was will der Mensch, der diesen Begriff bei Google eintippt?

Jemand der “Mealprep Anleitung” googelt, will selber kochen lernen. Er ist auf der Suche nach Information. Kein Kaufinteresse.

Jemand der “gesunde Fertiggerichte bestellen Schweiz” googelt, will ein Produkt kaufen. Er ist bereit, Geld auszugeben. Er sucht einen Anbieter.

Zwischen diesen beiden Suchintentionen liegt ein Abgrund. Die eine bringt Leser die nie kaufen werden. Die andere bringt Kunden die bereit sind, CHF 23 pro Menü zu bezahlen. Die SEO-Agentur von FreshMeal hat zwölf Monate lang den Abgrund ignoriert – und die Fehlpositionierung nicht einmal erkannt.

Und das Tragische: Eine seriöse Keyword-Analyse hätte das in der ersten Woche gezeigt. Google selbst gibt die Antwort: Wer “Mealprep” googelt, sieht Rezeptseiten und YouTube-Videos. Wer “gesunde Fertiggerichte” googelt, sieht Anbieter-Websites und Vergleichsportale. Die Suchergebnisse zeigen die Suchintention – man muss nur hinschauen.


Die Parallele: Was IT-Dienstleister daraus lernen

Wenn du ein IT-Dienstleister bist, denkst du jetzt vielleicht: “Das ist ein Food-Startup, hat nichts mit mir zu tun.” Doch. Es hat alles mit dir zu tun.

Stell dir vor, du verkaufst Managed-Backup-Lösungen. Deine SEO-Agentur empfiehlt dir, Content über RAID-Systeme zu schreiben. “Hat ja auch mit Datensicherheit zu tun”, sagt die Agentur.

RAID und Backup. Auf den ersten Blick verwandt. Aber die Menschen die “RAID-System konfigurieren” googeln, sind Systemadministratoren die eine technische Anleitung suchen. Sie wollen basteln, nicht kaufen. Die Menschen die “Backup-Lösung für KMU” googeln, sind Geschäftsführer die einen Dienstleister beauftragen wollen. Sie wollen eine Lösung, kein Tutorial.

Das ist exakt dasselbe Muster wie bei FreshMeal. Ein Keyword das verwandt klingt, aber eine komplett andere Zielgruppe anzieht. Und eine SEO-Agentur die den Unterschied nicht sieht.

Wenn deine SEO-Agentur nicht mal zwischen einem Backup und einem RAID unterscheiden kann – wenn sie nicht versteht, dass das eine eine technische Komponente ist und das andere eine Dienstleistung – dann gibt es nur eine vernünftige Reaktion: Lauf. Renn. So schnell du kannst. Denn jeder Monat den du mit dieser Agentur arbeitest, kostet dich nicht nur Geld. Er kostet dich die Chance, von den richtigen Kunden gefunden zu werden, während deine Mitbewerber genau das tun.

Das ist genau das was bei FreshMeal passiert ist, nur mit Essen statt mit Technik. Mealprep statt Fertiggerichte. RAID statt Backup. Unterschiedliche Branchen, identisches Muster. Und identisches Ergebnis: Viel Geld ausgegeben, keine Kunden gewonnen, und eine Agentur die nicht versteht warum.

Ich habe in meiner Zeit als Systemtechniker bei Siemens Mobility gelernt, was es heisst wenn man das Geschäft des Kunden von innen kennt. Wenn du mit IT-Kunden arbeitest, musst du ihre Sprache sprechen. Nicht die Sprache der Agentur-Präsentation, sondern die Sprache die fällt wenn der Geschäftsführer fragt warum trotz guter Arbeit niemand anruft. Wer diese Sprache nicht spricht, wird nie die richtigen Keywords finden – egal wie viele SEO-Tools er verwendet.


Was du jetzt tun kannst: Der CTRL+F-Test

Du brauchst dafür kein SEO-Tool. Keinen Berater. Kein Budget. Du brauchst 5 Minuten und einen Browser.

Frag dich zuerst: Was würde mein Wunschkunde bei Google eintippen? Nicht dein Fachbegriff. Nicht dein internes Vokabular. Der Begriff den ein Mensch eingibt der dein Problem hat, aber deine Lösung noch nicht kennt. Nicht “Managed Firewall mit Stateful Packet Inspection” – sondern “IT-Sicherheit für meine Firma”. Nicht “Mealprep” – sondern “gesunde Fertiggerichte bestellen”.

Dann öffne deine Website. Drücke CTRL+F. Tippe genau diesen Begriff ein. Und zähle die Treffer.

Wenn null Treffer erscheinen – wenn der Begriff den dein Wunschkunde googelt auf deiner gesamten Website nicht ein einziges Mal vorkommt – dann hast du dasselbe Problem wie FreshMeal. Google kann dich für diesen Begriff nicht anzeigen, weil er auf deiner Website schlicht nicht existiert. Das ist keine Frage von Algorithmen oder technischem SEO. Das ist Logik.

Dann google denselben Begriff. Schau dir die ersten zehn Ergebnisse an. Sind es Anleitungen und Tutorials? Dann ist die Suchintention informational – und du verkaufst dort nichts. Sind es Anbieter-Websites und Vergleichsseiten? Dann ist die Suchintention transactional – und dort willst du sein.

Wenn deine SEO-Agentur diesen Test in zwölf Monaten nicht gemacht hat, dann hat sie etwas Grundlegenderes übersehen als ein falsches Keyword. Sie hat übersehen, wer deine Kunden sind und wie sie suchen. Und dafür brauchst du keine CHF 18’000. Dafür brauchst du CTRL+F.


Die eigentliche Frage: Versteht deine SEO-Agentur dein Geschäft?

Die Suchintention zu verstehen ist keine technische SEO-Disziplin. Es ist die Fähigkeit, sich in den Kopf des Kunden hineinzuversetzen. Nicht des Kunden der SEO-Agentur – des Kunden deines Kunden.

Die Agentur von FreshMeal hätte sich fragen müssen: Wer kauft fertige Mahlzeiten für CHF 23? Was ist dieser Person wichtig? Wie sucht sie? In welcher Sprache? Mit welcher Absicht? Stattdessen hat sie ein Keyword genommen das nach Essen klingt und drauflosoptimiert.

Für IT-Dienstleister ist die Situation identisch. Wenn deine SEO-Agentur dir empfiehlt, über “Cloud Computing Trends 2026” zu schreiben, frag dich: Wer googelt das? Ein Geschäftsführer der einen Cloud-Dienstleister beauftragen will – oder ein Student der eine Seminararbeit schreibt? Wenn die Antwort “Student” ist, dann ist das Keyword wertlos. Egal wie viel Suchvolumen es hat.

Eine seriöse Keyword-Analyse prüft drei Dinge gleichzeitig:

Erstens: Suchvolumen – sucht jemand danach? Zweitens: Suchintention – was will diese Person? Drittens: Passung zum Geschäftsmodell – würde diese Person bei dir kaufen?

“Mealprep” hatte Suchvolumen. Aber die Suchintention passte nicht. Und die Zielgruppe hätte nie CHF 23 für ein Fertiggericht bezahlt. Zwei von drei Kriterien durchgefallen. Zwölf Monate Arbeit auf einem wertlosen Keyword.

Mein Rat: Bevor du einen weiteren Franken in SEO investierst, mach den CTRL+F-Test. Fünf Minuten. Und wenn deine Website den Begriff nicht enthält den deine Kunden googeln, dann weisst du wo das Problem liegt. Nicht bei Google. Nicht beim Algorithmus. Bei der Grundlage.


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